Kommt in 10 Jahren das Steirische Kürbiskernöl aus China?

Das war das 1. Österreichische Kürbiskernölforum!

„Kommt in 10 Jahren das Steirische Kürbiskernöl aus China?” – Mit dieser bewusst provokanten Frage startete das 1. Österreichische Kürbiskernölforum, das es sich zum Ziel gesetzt hat, den zukünftigen Weg des heimischen Leitproduktes zu ergründen. Eine hochkarätige Expertenrunde diskutierte am 16. September 2010 im steirischen Lannach über die Zukunft des „grünen Goldes“ der Steiermark.

Als Experten geladen waren:

Frau Dr. Sophie Karmasin
Karmasin Motivforschung GmbH

Herr Dr. Horst W. Luftensteiner
AGES (Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit GmbH)

Herr Dr. Franz Siegfried Wagner
Institut Dr. Wagner (Technisches Büro für Lebensmittel- und Biotechnologie)

Frau Mag. Dr. Donata Bandoniene
Montanuniversität Leoben

Herr Dir. Franz Kapaun
Geschäftsführer von F. Url & Co GmbH

Nach der Begrüßung von Lannachs Bürgermeister Josef Niggas gab F.Url-Direktor Franz Kapaun einen allgemeinen Überblick über die Situation auf dem Weltmarkt für Kürbiskernöl.

Das Wichtigste zuerst: Die Frage des Nachmittags konnte mit einem klaren Nein beantwortet werden. Darüber wurde man sich einig.

Seit 2007 steigt der weltweite Bedarf an Kürbiskernöl jedes Jahr um durchschnittlich 20 Prozent. Das „grüne Gold der Steiermark“ hat sich mittlerweile auch am deutschen Markt stark etabliert. Der Vergleich des Verbrauchs pro Kopf mit Österreich deckt ein Potenzial von 6,4 Mio Litern jährlich für den deutschen Markt auf, was einem zusätzlichen Anbauflächenbedarf von 37.500 Hektar entspricht.

Marktmacht China
China hat den Rest der Welt in Bezug auf die Größe der Anbauflächen für Kürbiskerne längst überholt. Im Vergleichsjahr 2010 wurden in der Steiermark auf 15.458 Hektar, in Rest-Österreich auf 11.082 Hektar Kürbis angebaut. Weltweit werden rund 600.000 Hektar bebaut, wobei allein auf China 500.000 ! Hektar Anbaufläche entfallen. Durch den Technologievorsprung bringt der österreichische Hektar zwar mehr Ertrag als der chinesische, das mengenmäßige Übergewicht der Asiaten ist jedoch trotzdem gigantisch.

Die g.g.A.-Gebiete sind zu klein
Ein weiteres Produktionshemmnis für österreichische Kürbiskernölhersteller sind die beschränkten g.g.A.-Gebiete. Nur das Steirische Kürbiskernöl, dessen Kerne aus besagten Gebieten stammen, und dessen Pressung nur in der Steiermark vorgenommen wird, darf das von der EU geschützte Siegel „g.g.A.“ (geschützte geografische Angabe) tragen. Verwirrend ist, dass diese Gebiete nicht nur in der Steiermark, sondern auch im Burgenland und in Teilen Niederösterreichs liegen. Andererseits gibt es in der Steiermark wiederum Anbaugebiete, die keine Kerne für das dieses Kernöl liefern dürfen, weil sie außerhalb der vorgeschriebenen Grenzen liegen.

Die rechtliche Wahrheit ist keine Konsumentenwahrheit!
Nicht nur aus diesem Grund steht das echte Steirische Kürbiskernöl auf wackeligen Beinen. Schon das g.g.A.-Siegel der Europäischen Union an sich birgt einige Unklarheiten für den Konsumenten. So dürfen zum Beispiel Tiroler Speck oder San Daniele Schinken mit der Herkunftsbezeichnung werben, obwohl die Produktrohstoffe nicht aus Tirol oder San Daniele stammen. Das nennt man Verarbeitungsgebietsschutz. Im Gegensatz dazu gibt es den Anbaugebietsschutz, der die wirkliche Herkunft eines Produkts wie die Wachauer Marille oder den Waldviertler Graumohn auszeichnet. Wird nur ein Parameter von beiden eingehalten, kann man bereits das EU-Siegel beantragen. – Herkunftssicherheit für den Konsumenten schaut anders aus.

Der Konsument verlangt eine klare Herkunftsbezeichnung.
Warum die Politik nicht?
Der Konsument verlangt eine klare Herkunftsbezeichnung. Das bestätigt auch Dr. Sophie Karmasin vom Motivforschungsinstitut Karmasin in ihrem Impulsvortrag. Den zahlreichen Besuchern des 1. Österreichischen Kürbiskernölforums wurde nahegebracht, wie Konsumenten heute Lebensmittelqualität definieren: „97% sagen, Qualität spielt bei der Auswahl der Lebensmittel ein Rolle.“

Bei der Bestimmung von „Qualität“ von Lebensmitteln schauen Konsumenten auf Frische, auf natürliche Inhaltsstoffe, auf Parameter wie Geschmack, Optik und Geruch, auf die Kennzeichnung und vor allem und in erster Linie auf die Herkunft der Produkte. Regionalität spielt dabei eine wichtige Rolle. Dabei unterscheidet der Verbraucher zwischen Produkten, die aus seiner nahen und nächsten Umgebung kommen, also direkten regionalen Bezug zum Wohnort haben, und regionalen Spezialitäten wie dem Steirischen Kürbiskernöl. Beiden Varianten bringt der Konsument Vertrauen entgegen, doch bei zweiterer schleicht sich vermehrt Skepsis ein: San Daniele Schinken oder Tiroler Speck, obwohl das Schweinefleisch aus Polen kommt?

Laut Motivforschung macht der Konsument keinen Unterschied zwischen Rohstoffherkunft und Verarbeitungsregion. Wenn auf den Flaschen „Steirisches Kürbiskernöl“ draufsteht, nimmt der Konsument an, dass sowohl die Herstellung als auch der Anbau der Kürbisse in der Steiermark stattfinden.

Deshalb schlägt Karmasin abschließend eine Dreiteilung als transparentes System für die Herstellung und Vermarktung von Kürbiskernöl vor:

  1. (Echt) Steirisches Kürbiskernöl – gesamte Wertschöpfungskette in der Steiermark
  2. (Echt) österreichisches Kürbiskernöl – Anbau und Verarbeitung NUR in Österreich, nicht in der Steiermark
  3. Kürbiskernöl: Anbau und Verarbeitung nicht zu 100% in Österreich, sondern auch in Rest-Europa und China

Forschung zur sicheren Herkunftsbestimmung
Mag. Dr. Donata Bandoniene von der Montanuniversität Leoben stellte im Anschluss die Fortschritte des Forschungsprojekts zur Herkunftsfeststellung von Lebensmitteln vor. Die Entwicklung der sog. Food Identity Control zeigt erste Ergebnisse. Drei Jahre hat man Werte unterschiedlicher Böden in Österreich, Osteuropa und China gesammelt und ist nun in der Lage anhand der verschiedenen Erdelemente und deren „Fingerprints“ im fertigen Produkt Kürbiskernöl aus China von österreichischem Öl zu unterscheiden. Auch innerösterreichische Differenzen zwischen Steiermark, Niederösterreich und Burgenland konnten schon festgestellt werden. Die Etablierung eines neuen Standards zur schnellen und kostengünstigen Herkunftsbestimmung von Kürbiskernöl und in weiterer Folge auch anderen Lebensmitteln schreitet demnach voran. Die Gesetzgeber werden in Zukunft gefordert sein, mit den entsprechenden Erlässen dem Verfahren auch die Chance zu geben, für den Konsumenten wirksam zu werden.

Der Vorsprung muss Vorsprung bleiben
Dr. Franz Siegfried Wagner vom Institut Dr. Wagner schlägt in die selbe Kerbe, wenn er sagt, dass das Steirische Kürbiskernöl über seine Qualität definiert werden muss, diese Qualität aber gesichert und gleichzeitig für den Konsumenten greifbar sein muss. Wagner begutachtet im Auftrag des Bundesministeriums Lebensmittel und erstellt eindeutige Produktprofile, so auch für Kürbiskernöl. Allerdings räumt er ein, dass seine Methoden nicht ausreichend seien, chinesisches Kürbiskernöl von steirischem zu 100% zu unterscheiden, wenn die gleiche Art – der steirische Ölkürbis – mit dem gleichen Pressverfahren verarbeitet wurde. Deshalb lautet der allgemeine Tenor für die österreichischen Kürbiskernölhersteller auch: Nicht kopieren lassen und selbst die Initiative ergreifen!

Die Referenten des 1. Österreichischen Kürbiskernölforums (v.l.n.r.): Dr. Franz Siegfried Wagner - Institut Dr. Wagner (Technisches Büro für Lebensmittel- und Biotechnologie), Dr. Horst W. Luftensteiner - AGES (Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit GmbH), Dr. Sophie Karmasin - Karmasin Motivforschung GmbH, Mag. Dr. Donata Bandoniene - Montanuniversität Leoben, Dir. Franz Kapaun - Geschäftsführer von F. Url & Co GmbH

„Die rechtliche Wahrheit ist keine Konsumentenwahrheit”, so die bekannte Wiener Motivforscherin, Dr. Sophie Karmasin.

ORF Steiermark Star Erich Fuchs (re.) moderiert die Diskussion über die Zukunft des Kürbiskernöls in der Steiermark und in Österreich. Die Experten (v.l.n.r.): Dir. Franz Kapaun - Geschäftsführer von F. Url & Co GmbH, Dr. Horst W. Luftensteiner - AGES (Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit GmbH), Dr. Franz Siegfried Wagner - Institut Dr. Wagner (Technisches Büro für Lebensmittel- und Biotechnologie), Mag. Dr. Donata Bandoniene - Montanuniversität Leoben, Dr. Sophie Karmasin - Karmasin Motivforschung GmbH

Das breite Interesse am Weg des Steirischen Kürbiskernöls hat sich auch in den Besucherzahlen dokumentiert und machte die Veranstaltung somit zu einem vollen Erfolg!

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